Trier – In einer Zeit, in der „der Glaube und diejenigen, die sich zu ihm bekennen, unter einem starken Rechtfertigungsdruck stehen, zugleich aber auch die Welt und alle, die in ihr Meinungsführer sind, zugeben müssen, dass sie mit ihren Erklärungsversuchen an Grenzen stoßen“, könne der Gedanke „Vielleicht ist es wahr“ uns tatsächlich im Dialog halten. Das hat der Trierer Bischof Dr. Stephan Ackermann beim ökumenischen Gottesdienst zu Buß- und Bettag (19. November) in der Evangelischen Kirche zum Erlöser, als Konstantin-Basilika bekannt, gesagt.
In dem Jahr, in dem das 1.700-jährige Jubiläum des Konzils von Nizäa gefeiert wird – das das Glaubensbekenntnis hervorgebracht hat, das „bis heute durch alle Verwirbelungen der Kirchengeschichte hindurch Grundlagentext der Christenheit geblieben“ sei -, fragte Ackermann, ob die Herausforderung aus dem Blick geraten sei, die im ersten Wort des Textes stecke: „Zu sagen ‚Ich glaube an Gott‘ ist längst nicht mehr so selbstverständlich, wie es klingt.“ Das Tagesevangelium benenne diese Herausforderung, wenn es den Ausruf eines Vaters „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“ Jesus gegenüber überliefere. Glaube und Unglaube scheinen wie zwei Geschwister, die sich nicht voneinander trennen lassen. Ob in einer von Martin Buber überlieferten chassidischen Geschichte oder in Joseph Ratzingers „Einführung ins Christentum“: „Es ist das ‚Vielleicht‘, das den Glaubenden und den Nichtglaubenden miteinander verbindet“, sagte Ackermann; laut Ratzinger könne der Zweifel „zum Ort der Kommunikation“ werden.
Vom Glauben überzeugt, ohne verbissen zu sein
Der Gedanke „Vielleicht ist es wahr“ könne „offenhalten für das Gegenüber, von dem ich mir etwas sagen lasse, das möglicherweise sogar tiefer sieht oder in einem bestimmten Punkt mehr Recht hat als ich“. Das bedeute nicht, die eigene Überzeugung aufzugeben, sondern dass sie „eine Offenheit besitzt, die weiß, dass sie allein nicht genug ist. Als Glaubende sollten wir in dieser Haltung leben und aus dieser Haltung heraus den Glauben ins Spiel bringen. Es ist die Haltung, die selbstbewusst und unaggressiv zugleich ist, vom Glauben überzeugt, ohne verbissen zu sein“.
Dabei sei dieser Glaube alles andere als ein naiver, oberflächlicher Glaube: „Es ist ein Glaube, der gute Gründe für sich anzugeben weiß.“ Und dazu gehöre nicht nur und an erster Stelle das Zeugnis der Auferstehung Jesu Christi. „Wir sind in der privilegierten Situation, dass uns nicht nur die Zeuginnen und Zeugen der ersten Stunde zur Verfügung stehen, sondern das Beispiel unzähliger Glaubender durch die Geschichte unserer Kirchen hindurch.“ Ihr Beispiel zeige, dass der Glaube Menschen Kraft gibt für die Gestaltung des Hier und Heute; dass er die Kraft gibt, standzuhalten in eigentlich überfordernden Situationen; dass der Glaube den langen Atem gibt, sich einzusetzen für Menschlichkeit, Versöhnung und Frieden oder wo Menschen aus dem Glauben heraus die Hoffnung nicht verloren haben.
„Der Tag, an dem mein Leben anders werden kann“
Der Gottesdienst, den katholische und evangelische Christinnen und Christen in Trier seit Jahrzehnten gemeinsam am Buß- und Bettag feiern, nahm den Glauben angesichts vielfältiger gegenwärtiger Bedrohungen in den Blick. So hatte Dr. Thorsten Latzel, der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, in seinen einführenden Worten den Buß- und Bettag als „einen der wichtigsten, aktuellsten kirchlichen Feiertage“ bezeichnet „in einer Zeit, in der die Welt allzu oft verrücktspielt“. Der Tag stehe für den Mut, „uns von Gott neu ausrichten zu lassen“.
Der Präses verwies auf die erste öffentliche, ganz knappe Predigt Jesu. Nach dem Markusevangelium lautet sie: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15a) Der Buß- und Bettag, so Latzel, beinhalte mit der Möglichkeit der Umkehr zugleich die Freiheit, sich von Gott bewegen zu lassen. „Der Tag, an dem mein Leben anders werden kann. Der Tag, an dem ich spüre, dass die Welt, das Leben nicht so bleiben muss, wie sie sind. Der Tag, an dem Gott neue Gemeinschaft unter uns stiftet.“
Mitgestaltet wurde der Gottesdienst von Superintendent Dr. Jörg Weber (Evangelischer Kirchenkreis Trier), Dekan Dr. Markus Nicolay (Pastoraler Raum Trier), Pfarrer Thomas Luxa (Evangelische Kirchengemeinde Trier), Ökumenereferentin Anna Werle (Bistum Trier) sowie einem ökumenischen Team. Musikalisch begleiteten die Feier der Kathedraljugendchor Trier unter der Leitung von Domkapellmeister Thomas Kiefer sowie Kirchenmusikdirektor Martin Bambauer an der Orgel.
Info: Buß- und Bettag
In früheren Zeiten wurden Buß- und Bettage immer wieder aus aktuellem Anlass angesetzt. Angesichts von Notständen und Gefahren wurde die Bevölkerung zu Umkehr und Gebet aufgerufen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wird ein allgemeiner Buß- und Bettag am Mittwoch vor dem letzten Sonntag des Kirchenjahrs – dem Ewigkeitssonntag (evangelisch) oder Christkönigsonntag (katholisch) – begangen. In diesem Jahr fällt der Buß- und Bettag auf den 19. November. Die gemeinsame Feier von evangelischer und katholischer Kirche hat in Trier eine jahrzehntelange Tradition.
(JR/red)

